Direkt Dialog

Es spukt in karitativen Organisationen ein Gespenst herum, das nennt sich „Direkt Dialog“. Es gibt kaum noch einen Gemeinnützigen Verein im Land, der den Direkt Dialog nicht praktiziert. Je größer die Organisation, desto wahrscheinlicher ist seine Anwendung.

Die Spendeneintreibung von Organisationen der Moral erfolgt heutzutage immer öfter von industriellen Agenturen. Diese Profit orientierten Fremdfirmen heuern vorwiegend Studenten als Werber an, die sich zu ihrem Studium etwas dazu verdienen möchten. Sie werden teilweise sogar mit Fragen in der Mensa geködert wie: „Möchtest Du einmal etwas Gutes tun?“

Der Markt ist hart umkämpft.

Die Chefetagen solcher Firmen geben an, dass die Spendeneintreibung unter strengsten moralischen Kriterien erfolgt. Die Realität sieht aber leider anders aus.

Zunächst einmal ist anzumerken, dass es für die Werber ein Knochenjob ist, ihre Arbeit zu  erledigen. Man steht bis zu zehn Stunden täglich auf der Straße und spricht Leute an, die Spendeneinzugsermächtigungen für die  Hilfsorganisationen unterschreiben sollen. Manchmal sechs Tage die Woche. In verschiedenen Städten. Man stößt dabei auf eine Menge Ignoranz und Ablehnung. Das wird auf die Dauer zur extremen psychischen Belastung.

Den Werbern werden nun Provisionen versprochen, wenn sie eine bestimmte Anzahl von Unterschriften an Land ziehen. Kein Wunder also, dass sie alles Erforderliche tun, um diese Ziele zu erreichen. Sie werden dazu auch nur selten von den Hilfsorganisationen geschult, sondern meistens von den Agenturen selber.

Was als letztendliches Resultat dabei heraus kommt, ist Folgendes: Ein potentieller Spender darf längst nicht mehr frei entscheiden, ob er sich zum Spenden bereit erklären möchte oder nicht. Er wird zu seiner Entscheidung hin manipuliert. Mit industriellen Tricks und Formulierungen.

Wenn ein Spender sich tatsächlich frei entscheiden könnte, würde er dieses wohl tun, weil er sich mit den Inhalten der Hilfsorganisation identifiziert. Von den eigentlichen Themen hat aber kaum ein Werber eine Ahnung. Man ist kein Mitglied. Man ist Verkäufer.

Unter dem Strich geht es folglich nur um Erfolgsquoten und Geld.

Die Werber dürfen T-Shirts von den Organisationen tragen, obwohl sie dort  wie gesagt überhaupt keine Mitglieder sind. In Wirklichkeit sind sie nur Diener für der Industrie. In dieser spezifischen Kleidung denkt jedoch jeder uneingeweihte Passant, dass es sich um reguläre Mitglieder handeln muss. Auch am Telefon behaupten sie, „von der betreffenden Organisation zu sein“.  Solchen Täuschungen und Lügen kommt man erst durch gezieltes Nachfragen auf die Spur. Die entsprechenden Ausweise werden klein und bedeckt gehalten.

Wie unverschämt und aggressiv solche Verkaufsgespräche in der Realität ausarten können, habe ich als langjähriger Aktivist einer Hilfsorganisation von verschiedenen Betroffenen gehört. Da sind teilweise Methoden im Gebrauch, es ist schlichtweg unglaublich. Die Passanten werden im Zweifelsfall massiv unter Druck gesetzt. Und bei einigen Organisationen hat man solche Kletten noch am Telefon und vor der Haustür abzuwimmeln.

Ob mein gegebenes Geld aber für die eigentlichen Ziele einer Hilfsorganisation oder  für  deren Direkt Dialog  ausgegeben wird, kann ich als gutmütiger Spender nicht mehr wissen. Denn der Direktdialog ist extrem kostenintensiv in seiner Investition. Sowohl die Agenturen, als auch die Provisionen wollen bezahlt sein.

Die Kalkulation geht unter dem Strich aber wunderbar auf. Der Direkt Dialog ist erfolgreich bis zum Gehtnichtmehr. Es lässt sich ein ordentlicher Reibach mit ihm machen. Deswegen greift er immer weiter um sich wie ein Virus.

Ich wundere mich oft darüber, dass der Direkt Dialog nie auf offene Opposition gestoßen ist. Er wird als selbstverständlich hingenommen. Die Leute scheinen es überhaupt nicht zu bemerken, wie sie über den Tisch gezogen werden. Betreffende „Informationsstände“ gehören zum gewohnten Bild einer jeden Innenstadt.

Die Argumentation der betreffenden Organisationen lautet nun dazu, dass sie mehr von ihren  moralischen Zielen umsetzen wollen. Dafür benötigen sie mehr Spenden.

Ich gebe zu, dass die Problematik nicht ganz einfach ist. Ohne finanzielle Mittel kommt man wirklich nicht sehr weit, wenn man als eingetragener Verein etwas bewirken will. Ein gewisses Budget muss für solche Sachen schon eingeplant werden. Das ist sicherlich legitim.

Aber muss man als moralisches Vorbild deswegen gleich die Industrie  damit beauftragen?

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